Archäologische Funde in zurückweichenden Schweizer Gletschern

Die Gletscherarchäologie ist eine Spezialdisziplin der Archäologie, die in jüngster Zeit „dank“ der vielerorts zurückweichenden Hochgebirgsgletscher und schmelzender Inlandseismassen großes Interesse erlangte.

Die im Nährgebiet eines Gletschers auf der Oberfläche liegen gebliebenen Gegenstände und Lebewesen werden mit der Zeit unter der Schneedecke vergraben und im sich bildenden Eis eingeschlossen. Durch die Kälte werden die Objekte dabei bestens konserviert. Das sich talwärts bewegende Eis nimmt die Objekte mit, die dann beim Auftauen im Zehrgebiet wieder freigelegt werden. Vor allem im September, wenn die Eisschmelze auf der Nordhalbkugel ihren Höhepunkt erreicht, steigt daher die Wahrscheinlichkeit archäologischer Funde.

receding glaciers SwissEin besonders bekannter, glazialarchäologischer Fund ist die Gletscherleiche Ötzi. Der Erhalt solcher Leichen ist jedoch bei Gebirgsgletschern schwierig, denn aufgrund der enormen Kräfte, die im Inneren des sich bewegenden Eises herrschen, lösen sich organische Materialien schnell auf. Bei kleinen oder schnell fließenden Gletschern werden die Materialien nach nur wenigen Hundert Jahren wieder freigegeben; nur sehr selten gibt es Funde, die Jahrtausende alt sind. Durch den Klimawandel tauen allerdings auch stationäre Eismassen in Mulden und auf Ebenen auf: Dadurch werden Funde freigelegt, die mechanisch wenig beansprucht wurden und schon viele tausende Jahre im Eis eingeschlossen waren.

Schon in den 1980er Jahren fanden Einheimische aus Zermatt die etwa 300 Jahre alten, menschlichen Überreste von „Theo“. Das internationale Interesse an solchen Funden blieb jedoch bis zum spektakulären Fund des Ötzi im Jahr 1991 relativ gering. 1992 fand man am Porchabellagletscher eine 300 Jahre alte, weibliche Gletscherleiche mitsamt Textilresten. Im Hitzesommer 2003 wurden auf dem Gebirgspass Schnidejoch zwischen Bern und Wallis Kleiderreste und Ausrüstungsgegenstände eines Mannes aus der Jungsteinzeit gefunden. Sofort rückte das Schnidejoch in das Interesse der Forscher. Bislang wurden weitere hundert Funde getätigt, die in die Jungsteinzeit, Bronzezeit und in das römische Reich datieren. Am Aletschgletscher konnte 2012 das mysteriöse Verschwinden dreier Männer im Jahr 1926 aufgeklärt werden: sie wurden zehn Kilometer unterhalb des Unglücksorts vom Eis wieder freigegeben. Und von der 1946 auf dem Gauligletscher abgestürzten „Dakota“ tauchen schrittweise Teile wie der Propeller und Tragflächenfragmente auf.